Zehn wilde Jahre

Vor 20 Jahren wurde CEP Freiberg gegründet. Vor zehn Jahren startete die Marke CEP DISCUP®. Hier geht es um die zehn wilden Jahre dazwischen.

Für Kunden sind sie heute beinahe synonym: das Unternehmen CEP Freiberg und der Kupfer-Hochtemperaturwerkstoff CEP DISCUP®. Das war nicht immer so. Zwei Jahrzehnte ist CEP Freiberg jetzt alt, und die erste Halbzeit sah ganz anders aus als die zweite. Selten sprechen Unternehmen über ihre wilden Anfangszeiten. Das 2023 anstehende Doppeljubiläum „20 Jahre CEP Freiberg / zehn Jahre CEP DISCUP®“ ist indes Anlass genug, es ausnahmsweise doch zu tun. Es war eine Zeit des Experimentierens und Investierens, und sie war alles andere als vertan.

Strangpressprobe von 2003: ein früher Versuch, den richtigen Werkstoff zu finden

Gründer-Sünder

Hätte der promovierte Werkstoffforscher Wolfram Möhler in ein Lehrbuch für Unternehmensgründung geschaut, hätte er womöglich die Finger von seinem Vorhaben gelassen. Er besaß nichts als die Überzeugung, dass die jahrelange Arbeit seines Forscher-Teams gerade kurz vor dem Punkt stand, an dem man etwas sehr Nützliches daraus machen konnte. Genau das aber stand 2003 auf dem Spiel. Mit der Forschung sollte es plötzlich vorbei sein. Von einem Technologietransfer wollte niemand etwas wissen. Wenn, dann ging es nur mit Eigeninitiative. In der Gründung und Führung eines Unternehmens hatte der Werkstoffforscher keinerlei Erfahrung. Es hat trotzdem funktioniert.

Der richtige Werkstoff

Einst gab es im sächsischen Freiberg, einer Hochburg der Werkstoffforschung, das renommierte Forschungsinstitut für Nichteisenmetalle (FNE). Hier forschte Wolfram Möhler an neuartigen verschleißbeständigen Verbundwerkstoffen. Schon 1996 war er dabei auf ein Material gestoßen, das ihm als vielsprechend im Hinblick auf eine potentielle Komponente für derartige Verbünde erschien. Es handelte sich um einen pulvermetallurgischen Werkstoff, ein oxid-dispersionsverfestigtes (ODS-) Kupfer. Entwickelt hatte ihn ein Unternehmen im mittelfränkischen Velden: ECKA Granules. Angeboten wurde der Werkstoff namens ECKA DISCUP als Stangenmaterial. Die Stangen entstanden durch indirektes Strangpressen. Die Veldener lieferten sie an Schweißtechnik-Hersteller, die daraus Elektrodenkappen für das Punktschweißen sowie Düsenstöcke herstellten. Beide Produkte sollten angeblich sehr viel länger halten als solche aus konventionellen Werkstoffen. Das interessierte den Forscher: Er bestellte ein wenig ECKA DISCUP, experimentierte damit und erkannte, dass sich tatsächlich etwas daraus machen ließ.

Die richtige Maschine

Der richtige Werkstoff war indes nur die „halbe Miete“ für das Gelingen des Forschungsprojekts. Die andere Hälfte bestand im richtigen Verfahren zum Erzeugen der Verbundwerkstoffe – und damit in der richtigen Maschine. Tatsächlich verfügte Möhler am FNE über ein nahezu einzigartiges Forschungsgerät: eine hydrostatische Strangpresse des schwedischen Fabrikats ASEA. Eine solche hatte sich das Forschungsinstitut einfach geleistet. Mit der unvergleichlich sanft arbeitenden Presse konnte man Werkstoffe zusammenbringen, die sich auf andere Weise nie hätten verbinden lassen. Auch ECKA DISCUP zählte zu ihnen. Eigentlich war die ASEA viel zu groß für die Forschung, aber kleinere Pressen gab es nicht. Später, als es um die Serienproduktion bei CEP Freiberg ging, sollte sich gerade diese Größe der Maschine als Vorteil erweisen. Als sei es so vorherbestimmt gewesen! Doch der Reihe nach.

Vom Forscher zum Unternehmer

Plötzlich waren die guten Forschungszeiten vorbei. Nach dem politischen Umbruch in der ehemaligen DDR wurde das FNE privatisiert und anschließend systematisch „gesundgeschrumpft“. Im Jahr 2003 war der Standort Brander Straße dran, wo Möhler arbeitete. Nach Meinung der Entscheider würden sich seine Forschungsergebnisse nicht kurzfristig in marktreife Produkte verwandeln lassen. Also wurde das Projekt abgebrochen. Die ASEA sollte verschrottet werden. Der Forscher hielt die Entscheidung für grundfalsch. Die Produkte, gebrauchsfähige Halbzeuge aus verschleißfähigen Verbundwerkstoffen, waren seiner Meinung nach bereits in Sicht. Sobald es sie gab, würde auch Kundschaft kommen, davon war er überzeugt. Der Forscher wollte sein Projekt unbedingt zu Ende bringen – wenn es sein musste, im Alleingang. Es war eine große Entscheidung. Der Werkstoff und die Maschine bildeten eine Einheit, und die Maschine bildete zusätzlich noch eine Einheit mit ihrem Standort. Man musste sie wie einen alten Baum behandeln, wenn man sie erhalten wollte. Keinesfalls verpflanzen. In diesem Augenblick wurde Möhler vom Forscher zum Unternehmer. Er nahm einen Kredit auf und kaufte die Werkhalle samt Presse. Die Firma, die er gründete, benannte er nach dem, was er vorhatte: „Compound Extrusion Products“ – CEP. Der Rest des Institutsstandorts wurde abgerissen und machte – sehr symbolisch – zwei Supermärkten Platz. Noch heute sind der Unternehmensstandort und die Nachbarschaftssituation dieselben wie damals.

Entscheidung für die Schweißtechnik

Gemeinsam mit zwei ersten Mitarbeitern wurde der Technologietransfer zum guten Ende gebracht. Bald erwies sich, dass unter allen erprobten Werkstoffkombinationen mit verschiedenen partikelverstärkten Metallen diejenige mit ECKA DISCUP das Rennen machen würde. Nun schloss CEP Freiberg einen richtigen Liefervertrag mit den Veldenern. In Freiberg entstand das erste Verbundrohr – außen hochleitfähiges Reinkupfer, innen verschleißbeständiges ECKA DISCUP. Rohre sollten es sein, denn Möhler schwebte eine ganz bestimmte Anwendung vor: Stromkontaktdüsen für das MAG-, MIG- oder Unterpulverschweißen. In puncto Verschleiß, das wusste er, bildeten diese Produkte aus Anwendersicht eine regelrechte Achillesferse, und gerade der Werkstoffverbund würde die komplexen Anforderungen an das Produkt in idealer Weise bedienen. Mit den ersten ansehnlichen Verbundrohren stellte sich CEP Freiberg der Schweißtechnik-Industrie vor – und überzeugte sie. Nach der Gründung war dies der zweite entscheidende Moment der Firmengeschichte.

Vorwärts in kleinen Schritten

Mithilfe der hydrostatischen Strangpresse produzierte CEP Freiberg von nun an Verbundrohr als Halbzeug für Stromkontaktdüsen. Doch so, wie es aus der Presse kam, ließ es sich nicht verkaufen. Man musste es ziehen, richten und mechanisch endbearbeiten. Mangels eigener Anlagentechnik konnte CEP Freiberg all das nicht tun. Also fuhr, wenn eine Ladung Roh-Verbundrohr fertig war, einer der Mitarbeiter sie mit dem Kleintransporter nach Nordrhein-Westfalen, wo ein Metallbetrieb die Dienstleistungen bezahlbar anbot. Zwei, drei Jahre lang ging das so, und es ging gut: CEP Freiberg schaffte den wirtschaftlichen Durchbruch. Das erste Geld wurde in eine Ziehbank und eine Richtmaschine investiert – was zur Einstellung des nächsten Mitarbeiters führte. Nicht, dass der Neue eine Fachkraft für die so unterschiedlichen Prozesse gewesen wäre, aber nach einigen Wochen „Learning by doing“ beherrschte er sie virtuos. Ein Glücksfall, der Mut zu mehr machte: Eine Langdrehmaschine wurde angeschafft. Von nun an lieferte CEP Freiberg nicht nur fertiges Halbzeug aus eigener Hand, sondern auch fertige Düsen. Je nach Kundenwunsch. So hätte es immer weitergehen können.

Unverhofft kommt oft

Ging es aber nicht. Inzwischen hatte ein US-Investor ECKA Granules übernommen, und er tat das, was Investoren gewohnheitsmäßig tun: abstoßen, was kurzfristig nicht gewinnträchtig erscheint. Im Jahre 2011 wurde CEP Freiberg eröffnet, dass es in Kürze vorbei sei mit ECKA DISCUP. Die Produktion würde eingestellt, und in den wenigen Monaten bis dahin würden sich die Bezugspreise verdoppeln. Ab sofort. Das war existenzbedrohend – der dritte entscheidende Moment der Unternehmensgeschichte von CEP Freiberg. Zwei Tage später waren die Freiberger in Velden und verhandelten über den Kauf von Anlagen, Know-how und Patenten. Man einigte sich. Mehr noch: CEP Freiberg würde künftig auch die Abnehmer des massiven Stangenmaterials aus Velden weiter beliefern. Nun würde es also zwei Produktionsstrecken in Freiberg geben: Verbundrohr bzw. Düsen und dazu noch Stangenmaterial. Die Bank spielte erneut mit. Das Unternehmen hatte nach acht Jahren etwas vorzuweisen.

Ausbau im Eilverfahren

Was dann geschah, wäre heute kaum denkbar. Binnen weniger Wochen wurde ein Bauprojekt aufgesetzt und genehmigt, welches die Verlagerung der Produktion von Velden nach Freiberg erlaubte. Eine besondere Herausforderung stellte die Aufstellung der massiven Anlagentechnik zur Erzeugung von ECKA DISCUP dar. Umfangreiche Tiefbauarbeiten waren dazu erforderlich, und zwar innerhalb der bestehenden Bausubstanz. Man löste das Problem. Während der Projektierung ließen sich die Freiberger an der Anlage in Velden – noch lief sie ja – blitzunterweisen. Bereits sechs Monate später war der Ausbau der heimischen Produktionsstätte abgeschlossen; die Schwertransporter mit der Ausrüstung rollten auf den Hof. Schon wenige Wochen später, im März 2012, wurden die Anlagen im Beisein der ehemaligen Anlagenfahrer von ECKA Granules in Betrieb genommen. Parallel wurden in Windeseile Mitarbeiter angeworben, um die neue Ausrüstung zu bedienen. Tatsächlich kamen welche, trotz der kurzen Zeit, und sie konnten erfolgreich eingearbeitet werden. Auch das ging noch vor elf Jahren.

Nomen est omen

Als alles funktionierte, galt es noch ein „Luxusproblem“ zu lösen. Die ehemaligen Kunden von ECKA Granules hatten sich an den neuen Lieferanten gewöhnt. Sie bestellten mehr denn je. Allerdings stand auf den Bestellscheinen nach wie vor: ECKA DISCUP. Den Unternehmer störte das. Geschichte hin oder her – es war sein gutes Produkt. Also erhielten 2013 alle Kunden eine Nachricht, dass es von nun an so heiße: CEP DISCUP®. Jawohl, mit eingetragenem Warenzeichen, der Einzigartigkeit wegen. Als sachliche Ingenieure waren sich die Freiberger nicht sicher, ob ihnen das nicht als Eitelkeit und Bevormundung ausgelegt werden würde. Wurde es aber nicht. Das namhafte Produkt eines ernstzunehmenden Unternehmens – den Kunden leuchtete das ein. Seitdem steht der richtige Name auf den Bestellungen. CEP DISCUP® tauchte nun auch in Prospekten und auf der Website auf, abgelöst von der ursprünglichen Anwendung, und plötzlich gab es neue Interessenten: solche, die nicht aus der Schweißtechnik kamen. Man musste es nicht unbedingt Marketing nennen, aber es war welches, und es hatte Erfolg.

Drei Punkte zur Ergänzung

Noch einmal: Jedem Gründerlehrbuch zufolge hätte CEP Freiberg keine Zukunft haben dürfen. Hatte es aber – und hat es auch weiterhin. Vielleicht kann man also der üblichen Checkliste drei Punkte hinzufügen? Als da sind: Eine halbe Idee kann durchaus zur ganzen werden, wenn sie auf solides Wissen baut. Kleine Schritte mit Geduld und mit Gespür fürs Machbare zu gehen, erspart vermeidbare Risiken. Entscheidungen sofort treffen, wenn sie anstehen, und das mit dem unvermeidlichen vollen Risiko, kann Entwicklungssprünge erzeugen. Das ist das Resümee von zehn wilden Jahren aus der Rückschau von zehn weiteren.